Ein Studienjahr in Lateinamerika - Erfahrungen, Eindrücke und Erkenntnisse

 

Prolog: Die Metaphysik eines Austauschsemesters

1. Warum eigentlich die Theke verlassen?

Zu Beginn möchte ich die verschiedenen Vorteile eines Auslandsaufenthaltes erörtern. Dies jedoch ohne das Standardgeschwafel, da die Meisten bereits die üblichen zwei Phrasen/Bilder dazu im Kopf haben: Interkulturelle Kompetenz, Kontakte knüpfen und die Welt kennen lernen auf der einen oder Saufen und Feiern gehen auf der anderen Seite. In der Tat gibt es meiner Ansicht zwei Arten ein Auslandssemester anzugehen, auch wenn die Trennlinie für mich anhand anderer Kriterien verläuft. Wie viel man feiern möchte ist nicht relevant und eine persönliche Präferenz. Die wesentlich spannendere Frage ist, mit wem man feiert.
Der ersten Art gebe ich den Namen "Erasmusprinizp" (Erasmus ist das Studentenaustauschprogramm der europäischen Union, welches ich sehr gut finde). Man lebt mit anderen Austauschstudenten zusammen, geht abends mit ihnen feiern und am Wochenende geht es gemeinsam im Reisebus zu den geographischen und kulturellen Highlights des Landes. Bei der zweiten Methode mischt man sich unter die Einheimischen und versucht sich möglichst nur in der Landessprache zu unterhalten und vieles alleine zu bewerkstelligen. Bei der ersten Methode lernt man viele, internationale Freunde kennen und die Englischkenntnisse verbessern sich ungemein. Die Landeskenntnisse entsprechen eher einem langgezogenen Urlaubsaufenthalt. Bei der zweiten Methode lernt man sehr gut die Landessprache (weil man keine andere Wahl hat) und man hat mehr die Erfahrung eines Einheimischen. Dadurch ist das tägliche Leben aufregender, aber auch anstrengender und zeitaufwendiger. Man sieht wesentlich mehr von der direkten Umgebung, die den Touristen verborgen bleibt, aber weniger von den Sehenswürdigkeiten des Landes. Allgemein bewegt man sich hier wesentlich mehr außerhalb der eigenen Komfortzone, was selbstredend nicht immer angenehm ist.
Bei den hier dargestellten Methoden handelt es sich um zwei Extreme und in der Realität bewegt man sich immer irgendwo dazwischen. Aber man sollte immer im Hinterkopf haben, dass man nicht alles haben kann und man Prioritäten setzen muss. Spaß, Erfahrungen, neue Blickwinkel und eine erhöhte Organisationsfähigkeit bekommt man jedoch immer.

2. Organisatorisches

Der erste Schritt für einen Auslandsaufenthalt während des Studiums ist zugleich auch der Schwierigste: Man muss sich aktiv dazu entschließen, ein Auslandssemester zu machen. Danach geht eigentlich alles ganz langsam. Man wählt aus den zur Verfügung stehenden Optionen seine drei Favoriten, vollführt alle anfallenden, bürokratischen Rituale und wartet dann gespannt, bis das Schicksal entscheidet.
Lediglich die finanzielle Absicherung durch Familienmitglieder etc. sollte vorher geklärt sein. Finanzielle Unterstützungen wie das Auslandsbafög sind zwar sehr gut und im internationalen Vergleich geradezu linksradikal, das föderalistische Bürokratiemonster dahinter sorgt allerdings für massive Verzögerung. Föderalistisch? Ja, für Auslandsbäfög in Mexiko ist z.B. das Studentenwerk Bremen verantwortlich. Dementsprechend muss man da auch wieder von der Geburtsurkunde an alle Dokumente, die man sich vorstellen kann und noch einige mehr einsenden. Man muss offiziell mit mindestens 6 Monaten ab dem Datum der Antragseinreichung. Die Betonung liegt hier sehr stark auf dem Wort mindestens. Damit möchte ich den Punkt Organisation auch sofort wieder verlassen. Denn im Für und Wider eines Austauschsemesters ist der organisatorische Aufwand ein Zwergenargument, dass sich durch seine Erwähnung in den Köpfen der möglichen Aspiranten zu gigantischen Schatten heranwächst.

 

3. Warum eigentlich nicht?

Eine meines Erachtens berechtigte Frage die, ebenfalls meines Erachtens nach, in der Rugia ein wenig untergeht. Brechen wir das ganze einmal herunter: Wenn man ein Semester via Erasmus macht, so wird man mit 100% Sicherheit für eine Stadt im europäischen Ausland genommen. Man bewirbt sich nur einmalig hier an der TUD und die übernehmen allen Papierkram. Alle Kurse sind auf Englisch und es gibt eine Rundumversorgung bezüglich Wohnen, Essen etc. seitens der Auslandsuni, sodass man keine andere Sprache lernen muss. Man bekommt vorab eine Garantie dafür, dass alle Kurse anerkannt werden (Bachelorthesis ist etwas komplexer). Das Auslandsbafög gibt es unabhängig von und zusätzlich zu dem normalen Bafög. Man bekommt normalerweise den normalen Betrag plus 200 Euro im Monat, also auch Studenten die kein Anspruch auf normales Bafög haben kriegen hier in der Regel das Geld. Von Erasmus gibt es bis zu 220 Euro im Monat gratis obendrauf. Dazu gibt es nochmals 500 Euro pro Semester durch AH Bünger gespendet und den AHV vergeben. Geht man jetzt noch nach Ost- oder Südeuropa, so sind auch noch die Lebenshaltungskosten deutlich niedriger. Die Wirtschaftsingenieure unter euch haben an dieser Stelle richtig erkannt, dass man mit einem Auslandssemester sogar Gewinn machen kann und dass ohne Arbeiten oder Studieren zu gehen.
Da es in meiner gesamten Aktivenzeit nur mein lieber Bbr. Stiewe geschafft hat, sein Studium in Regelstudienzeit abzuschließen, halte ich diesen Grund der Regelstudienzeit für unplausibel, besser gesagt lächerlich. Auch das Engagement in anderen Vereinen ist kaum bis gar nicht vorhanden. Oder anders gesagt: Der AHB hatte ja mal das Deutschlandstipendium gesponsort. Aber bevor aktive Rugen sich darauf erfolgreich bewerben würden, gewinnt Assad den Friedensnobelpreis.
Schaue ich nun auf mich selbst, so finde ich den wahren Grund sehr schnell. Den Bachelor hatte ich in Regelstudienzeit und bin sehr aktives Mitglied in 2 weiteren Verein in Darmstadt (seinerzeit 3). Was mich aber wirklich aufhält sind nicht die ganzen universitären und außeruniversitären Verpflichtungen, die finanzielle Lage oder gar die Theke. Es ist schlicht und ergreifend der innere Schweinehund. Man möchte sein gewohntes Habitat nicht verlassen und möglichst viel Zeit dem Müßiggang widmen. Eigentlich möchte man ja gar nicht so sein. Aber am Ende des Tages/Studiums ist es nun mal so gewesen.

Akt I: Im Land der Kakteen

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Einführungswoche auf mexikanisch. Links neben mir ist mein finnischer Freund Lauri. Im Hintergrund das Wappentier der Universität, dass zu Recht das Symbol für Weisheit und Umsichtigkeit ist.

4. Die Welt ist klein

Am Anfang meiner Bewerbung hatte ich gar nicht verstanden, wo meine Universität überhaupt ist. Als dann Queretaro feststand dachte ich mir: "Wie spannend! Irgendwo im mexikanischen Nirgendwo! Keiner kennt mich." Dies sollte sich als Irrtum herausstellen. Helmut gab mir die E-Mailadressen von Barbara und Michelle, zwei Mexikanerinnen aus Queretaro, die ein Jahr zuvor ihren Auslandsaufenthalt in Darmstadt absolviert hatten und bei der B! Gothia untergekommen waren. Meine Erinnerungen an sie waren etwas vernebelt, da es lange her war und ich sie nur angetrunken kennen gelernt hatte, um nicht zu sagen voll wie die Strandhaubitze. Des Weiteren erinnerte ich mich an einen Besuch der ETH Zürich, genauer gesagt ihres Campus in Basel. Hier hatte ich in der Bude eines ehemaligen Kommilitonen, ein Freund unseres Bbr. Henrik Cordes, übernachtet. Seine Mitbewohnerin in Basel war Diana, eine Masterstudentin aus Mexiko. In diesem Moment erschien mir auch der Name Queretaro wie ein Déjà-vu. Also hatte ich schonmal die ersten drei Kontakte in Queretaro. Und auch dort soll sich die Welt als sehr klein darstellen, aber dazu an passender Stelle mehr.
Der erste Halt war Mexico City, wo es in ein von Bbr. Helmut Bünger ans Herz gelegte Hostel ging. Nicht das Queretaro mit 2,2 Millionen Einwohnern keinen eigenen Flughafen hat. Aber der Flug war deutlich billiger und nach Queretaro sind es nur 2,5 Stunden gen Norden mit dem Autobus. In Mexiko gibt es keine Personenzüge, abgesehen einer historischen Eisenbahn zwischen Los Mochis und Chihuahua (spricht sich wie die danach benannte Fußtrompete). In Queretaro wurde ich von Michelle und ihrer Mutter am Terminal abgeholt. Anschließend machten wir uns in der Altstadt, die vollkommen zu Recht UNESCO-Weltkulturerbe ist, auf die Suche nach einem Hostel für mich, in dessen Genuss 10 Monate später auch die Bbr.² Vandommele und Imhäuser kommen würden. Mein Plan war, mich erst vor Ort nach einer Bleibe um zu sehen, da mir dies von meinen Mexikanerinnen empfohlen wurde und sich die Preise in diesem Land sehr stark in Grenzen halten. Bei der Wohnungssuche schloss sich mir noch Lauri, ein finnischer Arzt der nur zum Spaß noch ein Pseudoauslandssemester machte, an. Da meine Prämisse war, dass die Mehrheit der WG Spanischsprachig ist, wurden wir erst (!) nach einem Tagen Suche fündig.

5. Bienvenidos a mexico

So lebten wir mit einer Mexikanerin, einer Kolumbianerin und einer Ecuadorianerin zusammen in einem kleinen Häuschen direkt neben der Uni. An dieser Stelle zaubert sich erfahrungsgemäß ein breites Grinsen auf die Gesichter der Zuhörer, klingt dies doch wie der wahr gewordene Traum jedes technischen Studenten Darmstadts. Allerdings standen diese drei Latinas in Bezug auf Sauberkeit, Aufgabenerfüllung und pflichtbewusstes Studium den Rugen in keiner Weise nach. In Küche und Kühlschrank konnte man immer etwas Vergammeltes finden und die gesamte Fläche war mit dreckigem Geschirr übersät. Im Wohnbereich wurde diese Art der Blockade durch Handtaschen, Jacken und Stöckelschuhe übernommen, wobei ein Großteil besagten Verbrauchsmaterials zu Bekannten besagter Mädels gehörten, die gefüllt 24/7 bei uns mit Herumlungern schwerstens beschäftigt waren. Geschrei war nachts fast immer zu vernehmen. Ob es sich dabei um eine circa der 3 bis 4 mal die Woche stattfinden Hauspartys oder das kollektive Konsumieren von Telenovelas hielt, war am Geschrei nicht aus zu machen. Der Unterschied war lediglich die anwesende bzw. fehlende Reggetonmusik. Rumschreien und Telenovelas sind zwei essentielle Kernbestandteile lateinamerikanischer Kultur, die einem Europäer genauso befremdlich wie nutzlos erscheinen. Die berühmteste dieser Seifenopern stammt aus Kolumbien, heißt "Betty la fea" (Die hässliche Betty) und bringt es auf knapp 200 Folgen a 20-25 Minuten. Die beiden Südamerikanerinnen haben diese Serie bereits mehrmals durchgeschaut und sie lief praktisch permanent bei uns im Wohnzimmer, auch wenn niemand da war.
Ich habe das Ganze mit dem mir adh antrainiertem Galgenhumor genommen. Wenn man regelmäßig unter der Woche um 4 Uhr morgens von 180 Dezibel geweckt wird, weil sich eine Party mit 20 Personen/Latinos aus der Disko ins eigene Wohnzimmer verlegt hat, dann hat man zwei Möglichkeiten: wach und schlecht gelaunt im Bett liegen oder sich etwas anziehen und das Beste daraus machen. Lauri hat es tagsüber immer mit Diskussionen und Regeln versucht, auch bezüglich der Sauberkeit und anderen Brennpunkten. Mein gesammeltes Wissen aus der Rugia hielt mich von solchen Zeitverschwendungen und Frustationsquellen ab. Für meinen 30jährigen Arzt aus Finnland war diese Wohnungssituation zutiefst unangenehm, war er doch andere Verhältnisse gewöhnt. Er zog nach ein paar Monaten in die historische Altstadt um und hatte dort eine sehr schöne Wohnung gefunden, in der er die größte Ruhestörung war.
Viele der Jungs und Mädels, die permanent bei uns rumhingen, suchten für das nächste Semester neue Wohnungen. Wenn ich süffisant bemerkte, dass ein Einzug ihrerseits als einzig reale Konsequenz hätte, dass sie nicht auf unserer Couch, sondern in einem der Zimmer schlafen würden, dann haben sie gelacht und gesagt, dass sie absolut keinen Bock haben, in unserer Hütte zu leben. Genauso amüsant fand ich die Tatsache, dass fast jeder der spanischsprachigen Studenten unser Haus kannte. Man musste nur die grob die Lage erklären und anfügen, dass es sich um eine sehr dreckige Wohnung handelt, in der immer gefeiert wird. Man bekam immer ein bestätigendes Nicken, lediglich das angefügte Lächeln variierte von Person zu Person.

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Typischer Abend bei uns im Wohnzimmer. An Schlafen oder Home Office war also nicht zu denken.

6. Wohnen in Mexiko

Bisher habe ich nur die Mitbewohner und das Klima des Zusammenlebens beschrieben. Aber auch die grundlegende Wohnsituation bedarf einer Ausführung. Mein Zimmer lies sich nur über einen winzigen Innenhof erreichen, der mit unserer Küche verbunden war. Ich war allerdings nicht der einzige Bewohner. Es gab bereits eine Familie aus ca. 7 Kakerlaken ("Cucarachas") mit deren Massakrierung ich die kommenden Wochen beschäftigt war. In Gegensatz zu ihren deutschen Vettern sind Kakerlaken in Mexiko groß, rot und können tatsächlich fliegen, was die Jagd auf sie wesentlich erschwerte. Zudem konnten sie auf ein großes Tunnelsystem hinter meinen Regalen und den Zwischenboden in der Decke zurückgreifen. Hier wurde einfach mit Spanplatten eine neue Decke genagelt, welche aber auch nicht verhindern konnte, dass der Regen in meiner ersten Nacht das gesamte Zimmer samt meinem Hab und Gut unter Wasser setzte.
Warum sagte ich eigentlich circa Kakerlaken? Weil zwischen Tür und Boden ein 1 cm großer Spalt war, der für konstanten Nachschub an Kakerlaken, Mosquitos und Co sorgte, besonders des Nachtens. Auch wenn es wohl die Wenigstens je erlebt haben, so vermag man sich doch leicht vorstellen, dass es eher unangenehm ist, nachts um 4 von einer über das Gesicht krabbelnde Kakerlake geweckt zu werden. Ohne weiter ins Detail gehen zu wollen gab es zusammen mit der Lärmbelästigung ca. 20 verschiedene Dinge, die einen aus dem Schlaf holten, sodass die Nächte meist wenig Erholung brachten. Naja, ich bin ja nach Mexiko gekommen, um neue Erfahrungen zu machen.
In meiner zweiten Wohnung war die Situation deutlich besser. Allerdings lässt sich generell festhalten, dass in den meisten Häusern oft die Türen klemmen oder nicht geschlossen bleiben, Schlösser nicht funktionieren, eher wenig Wasserdruck sowie Warmwasser nur für die Dusche vorhanden ist (mit einem kalten Rinnsal einen Berg Geschirr spülen erfordert buddhistische Geduld). Abhilfe schafft eigentlich nur ein gewisser Grad an Reichtum. Dann kann man in großen, perfekt ausgestatteten Palästen in abgeschlossen Stadtteilen leben.

7. Das eigentliche Studieren

Meine Universität zählt zu den teuersten und angesehensten Privatschulen Mexikos. Generell gibt es hier 3 Arten von Universitäten. Die Staatlichen sind für lateinamerikanische Standards relativ gut, man braucht jedoch sehr gute Noten, um genommen zu werden. Hat man diese nicht, so bleiben zwei Möglichkeiten. Als erstes kann man zu einer guten Privatuni wie der meinigen gehen. Dort wird das fehlende Talent durch monatliche Zahlungen großer Summen der Eltern kompensiert. Die letzte Möglichkeit sind die preiswerten Unis/Colleges. Dort ist das Studium nicht ganz kostenlos, dafür umsonst. Ein Abschluss einer aus einem kleinen Gebäude ohne Fachräume bestehender Uni ist in Mexiko genau so viel wert wie in Deutschland. Will man es in Mexiko zu etwas bringen, dann muss man sehr gut sein oder braucht reiche Eltern. Die zweite Option ist definitiv vorzuziehen, erspart sie einem doch zusätzliche Probleme wie Wehrdienst oder Bestrafung bei Gesetzesbruch und öffnet auch die Türen in die richtig großen Firmen und die guten Geschäfte. Man erkennt sehr schnell, dass der "amerikanische Traum" sehr stark in die mexikanische Gesellschaft integriert ist und Geld im Grund das gesamte Leben bestimmt. Dementsprechend ließ sich die Studentenschaft der Uni in zwei Kategorien einteilen. Auf der einen Seite mit ca. 25% vertreten waren Leute mit Stipendium und/oder motivierte Leute. Die Bildungspolitik des mexikanischen Staates ist aufgrund mangelnden Kapitals auf Elitenförderung beschränkt. Ist man also in Schule oder Sport ausgezeichnet, so bekommt man ein Stipendium. Der Rest hat Geld oder gelitten. Die überragende Mehrheit der Studenten stellen jedoch die Kinder steinreicher Eltern da, die später mal in der Firma von Papa eine wichtige Rolle spielen sollen. Dabei handelt es sich größtenteils um verwöhnte Schnösel (der mexikanische Fachterminus lautet "Mirrey"), deren Gedankenwelt sich einzig und allein um die nächste große Party und die dazu gehörigen Facebookfotos dreht. An sie richtet sich meine Universität.
Das System meiner Uni ist extrem verschult. Man muss immer pünktlich und bei allen Vorlesungen anwesend sein. es gibt permanent Hausaufgaben und Präsentationen zu erledigen. Da die Uni keinerlei Forschung betreibt und die meisten "Professoren" direkt mit Master von der (mexikanischen) Uni kommen, sollte man meist keinen Tiefgang in den Kursen erwarten. Es sei denn ein Dozent, der nebenbei noch eine reale Arbeit hat/hatte, leitet einen Kurs. Dann wird es abenteuerlich, da die Dozenten hier maximale Freiheiten bei der Kursgestaltung und Bewertung haben. Dies ist manchmal furchtbar frustrierend aber im Generell wesentlich besser als der eingeschlafene und langweilige Frontalunterricht der Vollblutdozenten. Es wundert also nicht, warum man in Mexiko 4,5 Jahre Regelstudienzeit für seinen Bachelor braucht und viele danach trotzdem eher wenig Erfahrungen und Eigenverantwortung aufweist. Auch philosophische oder naturwissenschaftliche Gespräche sucht man hier eher vergeblich, was wohl auch mit den fehlenden Forschungsgruppen zusammenhängt. Die Stärken der Tec de Monterrey liegen an anderer Stelle. Es gibt unzählige Sport und Kulturkurse, praktisch für alle Arten von (Kampf)Sport, Tanz und Instrumenten. Dafür gibt es ein ganzes Gebäude, dass nur spezielle Sport und Musikräume zur Verfügung stellt. Für Studenten ist es verpflichtend, mindestens einen Sport und einen Kulturkurs zu belegen. Vollstudenten müssen im Laufe ihres Bachelors zudem Ethikkurse und Sozialpraktika absolvieren. Die Kultur der USA ist hier (wie eigentlich immer in Mexiko) mit ihren Konzepten von Startups und Entrepreneurship der geistige Vater. Die Studenten sollen mit allen Aspekten des Lebens vertraut gemacht werden und in ihnen erfolgreich sein. Sport und Gesellschaft sind persönliche Herausforderung und Chancen (oder eher Pflicht) zum Fertigkeitengewinn und zur Selbstdarstellung. Es wird besonderen Wert auf Englischkenntnisse und Auslandsaufenthalte gelegt. Kurzum befindet man sich in der Kaderschmiede der mexikanischen Wirtschaft. Hier ist der Ort für sportliche, musikbegabte, anzugtragende Partylöwen, die ihr Leben und ihr Einkommen optimieren wollen. Für tiefgründig-nachdenkliche Charaktere, Leute die Dinge in Frage stellen und die Zustände der USA nicht als das finale Ziel Mexikos ansehen muss man an die UNAM, eine berühmte staatliche Universität Mexikos, die mehr unserem Konzept von Universität ähnelt.
Entgegen meinem oft düsteren und zynischen Ton hat mir die Universität sehr gut gefallen, macht sie doch viele Dinge anders/besser als unsere Unis. Allerdings hätte ich nicht gerne mein gesamtes Studium dort verbracht, da hier die G8- und Bologna-Reformen konsequent zu Ende gedacht wurden und ich mich eher der Gegenbewegung angehörig sehe.

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Einer der drei Eingänge zur Uni. Ähnlich wie beim Grenzübergang in San Diego kommen die meisten Mexikaner mit dem Auto.

8. Die Seele Mexikos

An dieser Stelle möchte ich der Verleitung widerstehen, die positiven und negativen Eindrücke meines Jahres als "gemischt" zu bezeichnen. Natürlich gibt es Aspekte, bei denen mir Mexiko besser gefällt als Deutschland und vice versa. Allerdings war ein Kern meiner Erfahrungen, dass es in Bezug auf Kultur und Mentalität keine eierlegende Wollmilchsau gibt, sondern man es holistisch, sprich ganzheitlich, betrachten muss. Die Quelle mexikanischer Ausgelassenheit und guter Laune ist auch die der Korruption und der eskalierenden Gewalt.
Beim Versuch, die Unterschiede zwischen Mexikanern und Deutschen auf einen Nenner zu reduzieren, würde ich sagen, dass Mexikaner eher emotional und wir eher rational sind. Dies ist eine absolut unvollständige und fehlerhafte Beschreibung, gibt allerdings ein erstes Gerüst, anhand dessen man die Unterschiede besser kategorisieren kann. Schließlich sind die Beschreibungen unterschiedlicher Mentalitäten von Staatsangehörigen furchtbare Pauschalisierungen und laufen immer der Gefahr entgegen, in Sozialdarwinismus auszuarten. Aber ich hoffe, dass der Leser all diese Dinge im Hinterkopf hat und ich keine Abhandlung über die Fehlerhaftigkeit und Unernsthaftigkeit meiner Aussagen voranstellen muss.
Vielleicht fangen wir mit den Deutschen an, da ich andere Kulturen nur mit meiner Eigenen als Referenzpunkt erklären kann. Die für uns typischen Symptome Pünktlichkeit, Perfektionismus und Pflichterfüllung sind für mich auf den Ursprung zurückzuführen, alles Irdische mittels griechischer Logik und preußischer Bürokratie exakt zu kategorisieren (ich habe bewusst von der Erfüllung von Pflichten und nicht Aufgaben gesprochen, da ich sonst die Mehrheit der Aktivitas von der dt. Leitkultur ausgeschlossen hätte, was mir natürlich fernliegt). Getreu dem kategorischen Imperativ, der somit für mich nicht durch Zufall von einem Preußen und nicht von einem Spanier ins Leben gerufen wurde, versuchen wir immer unser Handeln auf ein logisches Gerüst zu stellen und dieses als Orientierung zu nutzen. Durch diese Verallgemeinerungen versuchen wir Emotionen aus Entscheidungsprozessen herauszuhalten, da wir sie eher als Verzerrungen und Fehlerquellen ansehen. In Mexiko bevorzugt man einen wesentlich intuitiveren Ansatz, den man nach deutschen Kategorien als launisch beschreiben könnte. Der Gemütszustand ist hier also maßgebender Entscheidungsträger. Wenn man also abends um 20 Uhr von der Uni zurückkommt und seine drei männlichen Mitbewohner beim Mitsingen eines Liedes aus einem alten Walt Disney Film sieht, dann ist das für den Deutschen irritierend und wirkt lächerlich, aber gleichzeitig zaubert es auch ein Lächeln auf das eigene Gesicht, dass die Mitbewohner durch "deutsches" Verhalten niemals hinbekommen hätten. Wunderbar ist auch, dass fast alle Mexikaner_Innen die halbe Nacht feiern, singen und tanzen können, ohne auch nur einen Tropfen Alkohol oder andere bewusstseinserweiternde Stoffe zu sich zu nehmen. Diese natürliche Ausgelassenheit und permanente Gute Laune vermisse ich in Deutschland wirklich sehr stark.
Durch den Fokus auf das eigene Gemüt besteht jedoch auch ein extrem starker Drang dazu, unangenehme Situationen um jeden Preis zu vermeiden. Dies führt zu einer sehr starken Doppelmoral und einem anpassen der Wahrheit an die eigene Gefühlswelt. Doppelmoral ist wohl nicht zwangsweise etwas dem Katholizismus intrinsischem, allerdings wird diese von ihm befeuert. Das Aufstellen eines moralischen Kodexes, dessen komplette Erfüllung der Natur des Menschen absolut entgegen spricht und zu schwerem seelischem Leiden führt, zeigt mehrere Symptome in der mexikanischen Gesellschaft. So kann ein Mexikaner einen Beamten bestechen und sich währenddessen mit ihm darüber unterhalten, dass die korrupten und unanständigen Politiker das Land zu Grunde richten, ohne sich der Ironie bewusst zu sein. Genauso ist der Kartellboss, der für grausamen Tod und Folter hunderter Menschen verantwortlich ist, ein tief religiöser Mensch, der jeden Sonntag aus Überzeugung in die Kirche. Der fehlende Hang zu Philosophie und Ethik macht es in Mexiko relativ einfach, das eigene Walten nicht als schlecht anzusehen. Außerdem sind ja alle anderen auch korrupt und man ist ja immer in die Kirche gegangen. Die polytheistischen Einflüsse auf den Katholizismus sind in Mexiko nochmals durch die Inklusion der lokalen Azteken- und Mayareligionen gestärkt worden. Alle Rituale und Fest wurden einfach beibehalten und Sankt Wemauchimmer gewidmet. Daher ist es nicht überraschend, dass in Mexiko sehr viel Aberglaube vorherrscht und sich Wunderheilmittel (z.B. Herba Life) und magische Talismane sehr gut verkaufen.
Also ein ganzes Jahr, nur um zu erfahren, dass alles nicht so einfach ist? In Zeiten des Populismus mag dies vielleicht die Krone bzw. das Fundament des eigenständigen Denkens seins, aber irgendeine Binsenweisheit zum an den Kühlschrank kleben muss es doch geben, damit sich das Lesen bis hierher auch gelohnt hat. Also gut: Einfach mal öfter ein Lächeln auf den Lippen haben! Klingt einfach und banal, was es auch soll, aber es ändert mehr als der Deutsche es sich vorzustellen vermag. Also erkläre ich es mal preußisch: Lächeln ist zeiteffizient. Mit einem Lächeln sieht man attraktiver aus, als man es durch monatelanges Workout oder stundenlanges Stylen je erreichen könnte. Im Berufsleben, auf dem Amt und beim Speed Dating bekommt man mit einem freundlichen Lachen und dem entsprechenden Auftreten in einer Konversation wesentlich schneller auf den gewünschten Punkt und die Chancen auf positiven Ausgang steigen ein auch ein wenig. Im Deutschen gibt es Begriffe wie Strahlemann, für Leute, die ständig grinsen und ohne Grund glücklich sind. Bei Mexikanern ist es genau umgekehrt. Die verstehen nicht, warum wir hier immer so eine Fresse ziehen, obwohl nichts Schlimmes passiert ist. Es ist also eine Frage der Grundhaltung. Und wenn es mir wirklich nicht gut geht oder ich einen Grund habe traurig zu sein, was bringt es mir und meiner Umwelt dann, wenn ich dies in meinem Gesicht jedem auf die Nase binde? Auf Facebook sieht es immer so aus, als hätte man immer Spaß. Selbst wenn dies nur ein Trugbild sein sollte, warum dieses Trugbild dann nicht auch offline erschaffen? Das geht einfacher, als man es sich vorstellt. In der heutigen Zeit besitzt jeder dazu die antrainierten Fähigkeiten. Wann immer ihr mit einer Person sprecht oder jemanden anseht, stellt euch einfach vor, dass ihr gerade ein Selfie macht und eure Gesichtszüge nehmen automatisch die gewünschte Position ein.

Akt II: Kuba

9. Die Währungen in Kuba

In Kuba gibt es zwei unterschiedliche Währungen: Die nationale Währung CUP (kubanischer Peso) und den CUC („konvertierbarer“ kubanischer Peso). Der CUC ist immer gleich 1 US-Dollar und 24 CUP. Der CUC wurde eingeführt, weil die Kubaner aufgrund ihrer furchtbaren wirtschaftlichen Situation und dem Verfall ihrer Währung den Dollar als Zahlungsmittel zulassen mussten. Nachdem sich die Situation wieder auf normal schlecht stabilisiert hatte wurde der Dollar wieder verboten und stattdessen sein Pendant, der CUC, erfunden. Viva la revolucion! Nebenbei auch eine interessante Methode zur Devisengewinnung.
Die beiden Währungen sehen sich, wohl nicht unabsichtlich, sehr ähnlich. So sind beide 3-Peso-Scheine rot und tragen Che Guevara als Konterfei, wobei nur der „Nationale“ als Andenken sehr beliebt ist. Denn offiziell darf man CUPs als Tourist überhaupt nicht haben. CUCs dürfen offiziell nicht ausgeführt werden und müssen am Flughafen wieder zurückgetauscht werden. Die Kurse sind in beide Richtungen im ganzen Land sehr schlecht und eine wichtige Einnahmequelle der Regierung, da Umtauschen nur an staatlich legitimierten Stellen möglich ist (natürlich gibt es einen Schwarzmarkt).

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La Habana [Havanna] hat durch die Mischung russischer Hochhäuser und spanischer Villen einen ganz einzigartigen Charme. Leben möchte ich hier trotzdem nicht.

10. Die Kubaner…

haben gelernt sich mit der Situation zu arrangieren. Ärzte, auch in Kuba überdurchschnittlich gut bezahlt mit einer über 50-Stundenwoche kommen auf bis zu 60 CUC (Durchschnitt liegt bei knapp unter 30 CUC). Die Kubaner sind untereinander sehr hilfsbereit und, wie in sozialistischen Mangelwirtschaften so üblich, handeln mit allem unter der Hand. Da die Minimalkosten für eine Familie dem Doppelten eines Gehaltes entsprechen, lässt man auf der Arbeit sehr viel mitgehen und der Schwarzmarkt blüht. Kapitalistische Waren (Handys, Hygieneartikel, Autoreifen… eigentlich so ziemlich alles) wird durch in den USA lebende Familienmitglieder legal wie illegal eingeführt. Fischen ist praktisch verboten, da das der Planwirtschaft zuwiderläuft und Meeresfrüchte müssen mit Regierungsbeteiligung teuer an Touristen verkauft werden. Aber mit Regeln halten es die Kubaner wie übrigen Latinos. Ergo sieht man am Meer mehr Angler als Verbotsschilder. Man muss allerdings auch anerkennen, dass die Kubaner all dies nur machen, da ihr Überleben im System mathematisch nicht möglich ist, und nicht, um sich eine goldene Nase zu verdienen und einen faulen Lenz zu machen, was ein großer Unterschied zu meinem geliebten Mexiko ist.
Kubaner sind eher verschlossen und lächeln auch nicht wenn man an ihnen vorbeiläuft. Also so gar nicht wie Latinos, sondern eher deutsch. Dafür besitzen sie auch andere germanische Vorteile. Sie sind verlässlich, pünktlich und erzählen meistens die Wahrheit. Wenn man mit ihnen redet, dann tauen sie meistens auf (wie wir eben).

11. Als Tourist…

… hat man es in Kuba nicht wirklich leicht und muss ganz schön tief in den Geldbeutel langen. Durch die ekelhaften Umtauschraten kann man die Dollarpreise gleich direkt in Euro umrechnen. Das Visum ist mit 15$ noch ganz ok, ist allerdings auch nichts anderes als ein Zettel auf den man seinen Namen und sein Geburtstag schreibt (Geldbeschaffung für die Regierung #1). Die Flughafengebühr, welche „für das Verlassen des Landes“ anfällt ist mit 25 $ (#2) schon etwas höher und sogar noch nutzloser, wird aber mittlerweile zum Glück einfach im Rückflugticket miteingerechnet. Am Flughafen darf man offiziell nur gekennzeichnete „Taxis“ benutzen. Diese gelben, modernen Autos gehören einer Firma, die dem Volk, sprich der Armee gehört. Man zahl also eine fünfzehnminütige Fahrt nach Havanna saftige 25-30 $ (#3), also das Monatseinkommen eines Kubaners, welcher allerdings den Bus für 0,2 $ nutzt. Man kann dann in ein sog. „Casa Particular“ gehen, also privat vermietete Wohnungen. Dort zahlt man für ein 2-Personenzimmer 25-30$ (#4). Es gibt immer nur 2-Personenzimmer, weshalb man immer in gerader Anzahl reisen sollte. Die Kubanische Luft wurde nicht verstaatlicht und man darf sie noch genauso kostenlos atmen, wie Einheimische. Und auf die bescheuerte Idee einer Ausländermaut ist man auch noch nicht gekommen.

12. Essen in Kuba

In den Touri-Restaurants erhält man mittelmäßiges Essen zu atemberaubend hohen Preisen. Es gibt an den Hauptstraßen einige Straßenverkäufer und kleinere Schnellimbisse, wo die Einheimischen essen. Wer eine masochistische Ader hat, der kann hier für rund 1$ Burger, Backwaren oder Pizza bekommen. Das Zeug schmeckt so bescheiden, dass man nach dem ersten Genuss wieder freudig die überteuerten Preise bezahlt. Da die Zutaten meistens alt sind, ungekühlt gelagert wurden und es keine Standards gibt, wurde mir berichtet, dass dieses Essen auch gesundheitlich eher bedenklich ist.
Das typisch kreolische Essen besteht aus Hähnchen, Schweinefleisch oder Fisch. Dazu gibt es mit zerstampften Bohnen versetzten Reis und frittierte Bananenscheiben. Daneben gibt es noch „ropa vieja“ (alte Kleidung), gekochte Rindfleischfasern, was eigentlich nie gut geschmeckt hat und wohl eher darauf zurückgeht, das auf der Insel kaum Rindfleisch vorhanden ist und dieses komplett verwertet werden musste. Als Kreolen bezeichnete man im spanischen Reich die in den Kolonien geborenen Spanier, während man die im Mutterland Geborenen „Peninsulares“ nannte. Die Kreolen spielten bei allen aufkommenden Unabhängigkeitsbewegungen in Südamerika die treibende Rolle, da sie über Geld und Bildung verfügten, sich aber Spanien nicht so stark verbunden fühlten. Im englischen Sprachgebrauch wird Kreolen für die aus Afrika stammenden „Einwanderer“ (ein euphemistischer Ausdruck) genutzt und bezieht sich heutzutage hauptsächlich auf musikalische Einflüsse. Für mich ist also die Geschichte hier wesentlich spannender, als das eigentliche Essen. Alles Andere, was es dort zu Essen gibt, stammt aus Mexico, den Staaten oder Haiti und ist immer nur ein einfallsloser Schatten der anderen Länder. Meiner Meinung nach hängt dies stark mit dem Sozialismus und dem Fehlen an Zutaten und Kreativität zusammen. So oder so war Kuba kulinarisch bisher das schwächste Land, in dem ich je war. Ach ja, abgesehen von Bananen und Ananas gibt es hier keinerlei Früchte. Wenn man also einen „natürlichen“ Orangensaft bestellt, dann kann man da entweder durchsehen oder es schmeckt sehr stark nach Chemie.

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Früh krümmt sich, was ein linker Haken werden will. Boxen ist neben Baseball Volkssport in Kuba. Die Leistungen bei Olympia können sich sehen lassen.

13. Quo vadis, Kuba?

Eine extrem schwere, dafür aber auch umso spannendere Frage. Um die Wirtschaft des Landes steht es mal wieder eher schlecht. Aber dies ist seit dem Zusammenbruch des Ostblockes und der damit wegfallenden, massiven Unterstützung durch die Sowjetunion fast ein Dauerzustand. Immer, wenn es der Wirtschaft richtig schlecht geht, dann wird die Planwirtschaft und die Blockade ausländischer Einflüsse (Firmen, Produkte etc.) gelockert, sowie die Einreise der Touristen erleichtert. Sobald es der Wirtschaft wieder "normal schlecht" geht, werden die meisten dieser Zugeständnisse wieder aufgehoben und private Unternehmen müssen wieder dichtmachen. Der Tourismus ist für Kuba wie das Öl für Saudi-Arabien. Nähme man dies weg würden beide Länder sofort den Bach runtergehen und der Lebensstandard ins bodenlose fallen. Fast alle Fabriken stammen noch aus dem kalten Krieg und dementsprechend effizient sind sie und dementsprechend schön sieht die Natur in der Umgebung aus. Wer also Angst vor Industrie 4.0 und Digitalisierung hat, der sollte dieses Paradies der einfachen Arbeit aufsuchen. Hier mahlen die Mühlen langsam bis gar nicht.
Dies trifft auch auf dem politischen Wechsel zu. Die weltoffenen Westländer mag jetzt denken: “Kuba hat einen Deal mit Google gemacht, um den Ausbau des Internets weiterzubringen. Sobald die Kubaner Internet haben, werden die sich schon genauso schnell gleichgeschaltet, wie der Rest der Welt. Aber von Demonstrationen, freien Wahlen und Multikulti ist das Land genauso weit entfernt, wie dem daraus folgenden Erstarken der fundamentalistischen Gegenbewegungen. Die Kubaner sind sehr stolz auf ihre sozialistische Tradition und sie verehren Fidel und Che, die ja auch in der Tat interessante Persönlichkeiten waren. Solange man den Sozialismus oder die „Propheten“ nicht öffentlich in Frage stellt hat man in Kuba auch mehr oder weniger Meinungsfreiheit. Und da das System nicht geändert werden soll, sind freie Wahlen auch uninteressant. Die Amis spielen der kubanischen Regierung in diesem Sinne sehr gut in die Karten. Durch ihre Blockade, die der Wirtschaft nicht mal ansatzweise so viel schadet, wie der Sozialismus, und der bis zu Obama erfolgten Strategie des „Regime Change“ werden die Kubaner unter der Flagge der Regierung versammelt/gedrängt und wenn man das System als solches kritisiert, dann ist man gleichsam ein Verräter am kubanischen Volk. Der starke Nationalismus ist ein großer Unterschied zu den ehemaligen Staaten des Ostblocks. Die Kubaner sind ein, trotz unterschiedlichster Hautfarben, sehr homogenes Volk und besitzen großen Nationalstolz. Auch war die Revolution durch das Volk gewollt und wurde nicht durch die Besetzung der roten Armee herbeigeführt. Während Nationalisten die größten Feinde des Kommunismus in den Vasallenstaaten und Teilstaaten der Sowjetunion waren, gehören diese in Kuba neben den Kommunisten zu den stärksten Befürwortern des Systems.
Eine interessante Frage ist für mich: „Welche Revolution verteidigen die Kubaner eigentlich noch?“ Durch den Tourismus sind alle Menschen, die mit dem Tourismus in Kontakt kommen, reicher als der Rest. Also die finanzielle Gleichheit ist in Kuba verschwunden, falls es sie jemals gab. Zumindest alle Kubaner, die nicht zur Junta gehörten, waren wohl wenigstens gleich arm. Es gibt zwar noch die kostenlose medizinische Versorgung (übrigens inklusive Schönheitschirurgie), allerdings fehlt es an vielen Medikamenten, sodass die Situation hier nicht besser ist, als die der armen Leute in Industrieländern. Ich sehe die großen Vorteile, die Kuba nach der Revolution hatte und bin ein Freund der damaligen Ideen Ches und Fidels. Aber mittlerweile sind alle dieser Vorteile durch die kapitalistisch-demokratischen Länder ebenfalls erreicht wurden. Nur die Nachteile kann Kuba noch sein eigen nennen.

14. Medizin in Kuba

Die Gesundheit der Kubaner ist für ihre Umstände extrem gut und weltweit gepriesen. Dies liegt hauptsächlich an einer effizienteren Gesundheitspolitik gegenüber der "freien Welt". Der kubanische Ansatz gefällt mir sehr gut und spricht mir aus der Seele, daher möchte ich hier kurz die wesentlichen Punkte skizieren. Durch das fehlende Supergehalt der Ärzte und die autokratischen Möglichkeiten der Regierung ist die medizinische Versorgung auf dem Land die gleiche, wie in der Stadt. Da kommen nicht mal Vorbildnationen wie Schweiz oder Skandinavien ran. Auch besitzen sie staatliche Kampagnen für Impfungen/Aufklärungen usw., die überall gleich stark ausgeprägt sind und nicht durch Organisationen und Firmen unterstützt werden, die Eigeninteressen vertreten. Auch insgesamt ist die Medizin auf Prävention ausgerichtet und orientiert sich am Allgemeinwohl. Dieser Satz klingt selbstverständlich, aber das ist in Deutschland nicht der Fall. Anstatt den Leuten zu sagen, dass sie mit dem Rauchen/Saufen aufhören und Sport machen müssen, werden immer neue Gründe als Ausrede gesucht. Wenn man das ganze Geld, dass für probiotische Drinks, glutenfreies, biodynamisches lowcarb-Essen stattdessen Nutzen würde, um Schulkindern kostenlos gesundes Essen zur Verfügung zu stellen, dann kann man für weniger Geld die Gesamtgesundheit deutlich erhöht.
Die durchschnittliche Sterblichkeit liegt in Kuba bei 79, in den USA bei 78 Jahren. Während in Amerika das meiste Geld für Krebsforschung und lebensverlängernde Maßnahmen ausgegeben wird, nutzt man in Kuba das Geld, um einfache Dinge wie Ernährung und Grundversorgung der Allgemeinheit zu optimieren. Es ist eben billiger, einem armen Menschen etwas Gemüse vorzusetzen und zu einmal die Woche zum Sport zu treiben, als den Ernährungs- und Fitnessplan eines Akademikers zu optimieren und den Krebs im Endstadium zu verlangsamen. Mensch 1 wird durch diese Maßnahmen mehrere Jahre älter, während man bei Mensch 2 meist nicht mal ein Jahr rausholt, wobei die Kosten dafür exponentiell höher sind. Aber in unserer Gesellschaft bringt Option 2 halt ein Millionengeschäft und Option 1 nur ein wolliges Gefühl für Idealisten und eine bessere Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung. In Kuba fühlt sich dementsprechend auch niemand abgehängt von der Gesellschaft.

Akt III: Szenen einer Reise

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Mit Kai und Tjark im Garten von Edward James. Neben dem Namen ist auch der Entrittspreis englisch.

15. Nicht mal hier ist man vor Bbr² sicher

In meinem Jahr in Mexiko haben mich insgesamt 4 Personen besucht. Mein Vater, Lukas Hanses (zur damaligen Zeit noch Bbr Hanses), sowie die AH Tjark Vandommele und Kai Imhäuser. Aus Rugensicht also eine gute Quote. Die ersten haben mich jeweils unter dem Semester besucht, sodass ich ihnen die Stadt/Umgebung und das lokale Bier näherbringen konnte. Tjark und Kai kamen zu Beginn der Semesterferien Für die Aktiven muss ich an dieser Stelle den Begriff Semesterferien erklären: Hier schreibt man alle Klausuren am Ende der Vorlesungszeit und hat danach keine Pflichtpraktika. Also 3 komplette Monate richtig frei!
So machten wir uns mit dem Mietwagen durch das Land. Uns blieben nur drei Wochen, was bei der Größe und der wundervollen Natur des Landes nicht mal im Ansatz ausreicht. Wir fingen also mit der Sierra Gorda an, ein im nördlichen Teil des Bundesstaates Queretaro gelegenes Juwel. Sierra heißt ursprünglich Sägeblatt und bezeichnet daher eine Bergkette, die eben wie ein Sägeblatt aussieht. Da es in diesen Regionen öfters mal trocken ist wird eine Sierra häufig für eine Wüste gehalten, was nicht unbedingt sein muss. In der Sierra Gorda ist alles sehr grün und wimmelt von Flüssen, Seen und Wasserfällen, die sich zwischen den Bergen verstecken. Dazu die üblichen UNESCO-Welterbe Klöster und ein gut organisierter Ökotourismus. Etwas außerhalb gibt es dann noch die "Sotano de las Golondrias" [Schwalbenhöhle], welche mit 303 Metern ziemlich tief ist. An anderer Stelle ist noch der Garten Edward James, bei dem es sich um surreales Betonkonstrukte mitten im Dschungel handelt. Es ließ sich also aushalten.
Danach ging es nach Oaxaca [Ochaka], dem ärmsten Bundestaat Mexikos, der sich im Süden des Landes mit großer Pazifikküste befindet. Die Haupstadt Oaxaca City besitzt mal wieder eine berühmte UNESCO-Altstadt, die dementsprechend sehr touristisch ist. Man konnte also durch wechseln eines einzigen Straßenzuges den Preis für ein Mittagsmenü von 14 Euro auf 2,50 Euro drücken. Aber man ist ja nicht zum Schwäbeln hier. Anschließend ging es auf die abenteuerlich Reise nach Puerto Escondido [versteckter Hafen]. Auf der Karte sah es Luftlinie nach der 2stündigen Fahrt von der Lokalhauptstadt aus. Ich glaube nach gut 6 Stunden Serpentinenrally waren wir dann auch da. Die Straße fehlte mal, mit schweren Steinschlag war zu rechnen und durch Überholmanöver, sowie Steinbrocken auf der Straße blühte unser Fahrer Kai zum Rennfahrer auf und ließ auch in Tjark und mir angstbedingt den Adrenalinspiegel steigen. Puerto Escondido ist sozusagen das Cancun für Surfer. Es ist extrem amerikanisch und touristisch, allerdings deutlich kleiner. Allerdings konnte man dort sehr gut entspannen und sich Lebensmittelvergiftungen einholen. Ich bliebe verschont, habe aber dann in Acapulco auch meinen fairen Anteil am nächtlichen Magenentleeren bekommen. Acapulco war in den 60er Jahren die Hochburg internationalen Tourismus. AH Helmut Bünger würde an dieser Stelle erwähnen, das Cancun zu dieser Zeit ein kleines Fischerdorf ohne Bedeutung war. Dies änderte sich mit Einzug der Bandenkriminalität schlagartig. Heutzutage ist alles in Ordnung und es ist ein Tourismusort für Einheimische.
Den Abschluss machte Mexiko City. Dort gibt es direkt am Präsidentenpalast ein wunderbares Hostel, dass mir schon für meine Ankunft in Mexiko durch Helmut empfohlen wurde. An dieser Stelle möchte ich nicht mehr darüber verlieren, da mir Tjark versichert hat, dass es von seiner Seite einen Bericht über unsere Reise geben wird, der dann einen deutlich höheren Detailgrad erreicht.

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Im Szeneviertel La Condesa ist es sehr europäisch, was sich natürlich auch wieder in den Preisen niederschlägt.

16. Durchs wilde Kartellistan

Nachdem meine beiden Bbr² Mexiko verlassen hatten musste ich noch 3 Wochen Zeit totschlagen, da ich dann meinen Freund Fernando in San Diego besuchen konnte. Diesen hatte ich am MIT in Boston kennen gelernt. Genauer gesagt zwei Jahre in Folge an der Konferenz eines internationalen Studentenwettbewerbes. Noch genauer gesagt, haben wir zusammen die nächtlichen Afterpartys im Sheraton Hotel geschmissen und sind des nächtens von Hotelzimmer zu Hotelzimmer (zu Swimmingpool zu Skylounge) gepilgert, um der Security immer einen Schritt voraus zu sein.
Er kam in meinem 1. Semester in Queretaro vorbei, da hier ein anderer Teilnehmer der Konferenz in Boston lebte (zufällig mein späterer Mitbewohner in 2. Semester), den ich direkt davor auf einer Party getroffen hatte. Da in Mexiko die Organisation nie so richtig klappt schlief er notgedrungen für zwei Tage bei mir in meiner Bude und ich sagte, dass ich auf jeden Fall einen Gegenbesuch machen werde. Naja, bevor es soweit war verbrachte ich also noch eine gute Woche alleine in Mexiko City, hauptsächlich im Szeneviertel La Condesa, bzw. La Roma. Die Stadt ist so riesig, dass ich mir immer noch viele "must see" Attraktionen fehlen.
Der nächste Stopp war Mazatlan im Bundesstaat Sinaloa. Der Name klingt irgendwie vertraut? Genau, aus diesem Bundesstaat ist das berühmte Sinaloakartell und Mazatlan ist die Geburtsstadt des Mannes, der Pablo Escobar als reichsten und blutrünstigsten Drogenboss abgelöst hat: Joaquin "El Chapo" Guzman. Ich bleib dort für eine Woche und wenig später sind auch bei einer Schießerei 21 Menschen getötet worden. Man muss an dieser Stelle wie immer dazu sagen, dass es sich um schwer bewaffnete Kämpfe zwischen Polizei und Kartell handelt und beide Seiten sind peinlichst darauf bedacht, dies nicht in der Öffentlichkeit auszutragen. Für Touristen besteht somit nicht mehr Gefahr als in Offenbach und der aktuelle Drogenkrieg hat Kollateralschäden in einer Größe, von denen die Drohnen der US Airforce nur träumen können. Die Stadt hat übrigens die meiner Ansicht nach schönste Strandpromenade, inklusive Traumstrand, und glänzt mit außergewöhnlicher Küche.
Zuletzt ging es ins ebenfalls berühmte Tijuana. Die Fahrt dorthin hätte im Bestfall so gute 20 Stunden gedauert. Im Internet fand ich eine Linie, die in 10 Stunden dorthin fährt. Ich dachte mir Nonstop in der absoluten Holzklasse, dass fehlt eigentlich noch und wird bestimmt aufregend. Als ich mit dem Taxi an der Station, die nicht an den offiziellen Busbahnhöfen ankam, wurde mir mitgeteilt, dass mein Bus bereits abgefahren ist. Ich war eine Stunde vor Abfahrt da, aber rationale Argumente zählen in Mexiko eher wenig. Ich durfte also ein Taxi nehmen und dem Bus hinterherfahren. Dort war natürlich schon jemand auf meinem Sitzplatz und ich durfte erfahren, dass die Fahrt 24 Stunden dauern sollte. Aus Erfahrung habe ich auf 30 Stunden aufgerundet und damit eine Punktlandung hinbekommen. Das schafft in den Busunternehmen keiner. Wenigstens die Qualität des Busses entsprach genau den Erwartungen. Es gab drei winzige Fernseher, auf denen in der Endlosschleife Mad Max 1, 2 und Speed lief. Damit man auch schlafen konnte, war der Ton einfach auf sehr leise gedreht, sodass man nur Schreie, Schüsse und Explosionen hören konnte. Abgesehen davon mussten wir diverse Kontrollen/Checkpoints überstehen. Meistens vom Militär durchgeführt, dauerte das Ganze insgesamt 5-6 Stunden und mein Rucksack wurde 2x durchleuchtet und dreimal per Hand durchsucht. In meiner Jacke hätte ich aber wohl alles an Waffen und Drogen mitnehmen können, was reinpasst.

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Sheraton Hotel in Boston, 2014: links vorne in rot ist Fernando, mein Freund aus San Diego. Ganz rechts vorne in jederlei Hinsicht blau bin ich. Im Hintergrund mit rotem Plastikbecher ist Uriel, der im 2. Semester mein Mitbewohner wurde. Von alle dem wusste ich damals bis zur Mitte meines Auslandesjahres allerdings noch gar nichts.

17. Californication

Ich durfte mich also mitten in der Nacht zur Grenze durchschlagen, obwohl ich ja gemütlich um 4 Uhr morgens ankommen sollte. Da in einigen Straßen dutzende Obdachlose/Drogenabhängige mit verwesen beschäftigt waren, fühlte ich ob der zahlenmäßigen Unterlegenheit und der Dunkelheit mit meinem riesigen Wanderrucksack ein wenig mulmig. Naja, an der Grenze musste ich dann überraschenderweise doch nochmal ein ESTA/Visum beantragen, sodass mich mein Kumpel Fernando, der aufgrund fehlender Internetkommunikation seit 6 Stunden wartete, zufällig in der Schlange für illegale Migranten zusammen mit 5 mexikanischen Familien fand und einen herzhaften Lachanfall bekam.
Bisher kannte ich von den Staaten nur die Ostküste, also New York, Boston, Washington und Co. In Kalifornien ist alles wesentlich entspannter und man merkt, dass hier der Ursprung von Hippies und Hipstern (und so ziemlich jedem anderen Trend) ist. Hier habe ich dann nach einem Jahr Mexiko gemerkt, wie nahe Europa an Amerika ist. Früher war mir das eine eher eine andersartige Kultur, aber verglichen mit Mexiko ist Amerika Frankreich.
San Diego besitzt atemberaubende Strände, an denen man nachts gut Bier trinken und Lagerfeuer machen kann (natürlich beides illegal). Die Universität (UCSD) ist ebenfalls atemberaubend. Der Fachbereich für Kognitionsforschung ist eine Mischung aus Google Headquarter und Hippiekommune, wo wirklich interdisziplinäre Forschung betrieben wird. Im konservativen Deutschland versteht man ja unter diesem Schlagwort, wenn ein Chemiker, ein Biochemiker, ein Biologe, ein Bioinformatiker und ein Informatiker gemeinsam eine Aufgabe lösen. In San Diego käme noch mindestens ein Linguistiker, ein Historiker, ein Quantenphysiker und ein Ingenieur für Microfluidik dazu. Das einzige Problem ist, dass die ganze wegweisende Forschung in den Staat zu einem Großteil vom Pentagon gesponsert wird und immer ein "Dual Use", also einen militärischen Nutzen aufweisen muss. In Darmstadt ist das ja komplett umgekehrt. Hier an der Friedensuniversität darf an nichts geforscht werden, was man auch militärisch nutzen könnte. In beiden Fällen ist man erstaunt, was so alles für das Militär genutzt werden kann und entsprechend gefördert/verboten wird. Ein Mittelweg erscheint mir hier sinnvoll, da der militärische Nutzen weniger von der Idee des Erfinders, sondern eher von der Kreativität der Restmenschheit im Bereich wohlorchestriertes auf die Nase hauen abhängig ist.

AKT IV: Letzter Halt Kolumbien

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Niemand hat mich so schön empfangen wie Diego. Man beachte die Rugengläser!

18. Bbr. Diego Quijano

Kolumbien war mein letzter Halt, bevor es zurück in die geliebte Heimat gehen sollte. Bereits am Flughafen empfing mich Bbr. Diego Quijano. Dieser hatte bei uns in Darmstadt gewohnt und ein Ingenieursstudium angefangen, dieses aber nach kurzer Zeit gegen das Studium von Journalismus und Medien in Bogota getauscht. Sobald dies beendet ist, soll es jedoch für den Master wieder nach Deutschland gehen.
Vom Flughafen ging es direkt zum Hause der Familie. Dort wohnt Diego samt Vater, Onkel, Tante und Cousin. Ich wurde sehr herzlich empfangen und die Gastfreundschaft war nicht zu überbieten. So verbrachte ich also die meiste Zeit in Bogota. Aber ich greife vor. Eigentlich habe ich erstmal nur meine Sachen abgelegt und wir fuhren weiter zu Diegos erstem Interview. Da am Tage zuvor die FARC offiziell ihre Waffen übergeben hatte, musste natürlich jeder Politiker seinen Senf dazu geben. Erster Halt war Maria Fernandez, eine nationalkonservative Politikerin die für ihre "wohldurchdachten" Aussagen bekannt ist. Kurz zuvor hatte sie die UN als undemokratisch und nicht geeigneten Schutzpatron der Waffenübergabe kritisiert, weil dort ja auch Länder wie Sowjetunion vertreten sind. Naja, geistreiche Ergüsse von Spitzenpolitikern war ich ja schon von Mexiko gewöhnt. Lukas Podolski würde dort in Politikerkreisen abgesehen seiner mangelnden Spanischkenntnisse kaum auffallen. Ein anderer spannender Interviewpartner war Anthonio Navarro-Wolff, aufgrund seines Nachnamens liebevoll "el lobo" [der Wolf] genannt. Dieser war bis 1991 Kommandeur der M19-Rebellengruppe, die mit der Einnahme auf den Justizpalast und dem folgenden Sturmangriff des Militärs traurige Berühmtheit erhielt. Seit dem Waffenstillstand 1991 sitzt er im Parlament Kolumbiens.
Für kurze Zeit war ich mit Diego auch bei seiner Mutter in Fusagasuga. Kolumbianer bezeichnen dies als Dorf, es hat jedoch 450.000 Einwohner. Es liegt ungefähr eine Stunde von Bogota entfernt, allerdings muss man auch erstmal aus Bogota rauskommen.
Kurz vor meiner Ankunft gab es übrigens ein Bombenattentat in einer Damentoilette eines Kaufhauses mit drei Toten. Diego befand sich zu diesem Zeitpunkt nebenan in der Herrentoilette, überstand das Ganze aber ohne größere Blessuren. Er erzählt dies übrigens tiefenentspannt während man durch dieses Kaufhaus schlendert und zeigt einem den Ort des Geschehens. Wären die Europäer nur halb so "heroisch gelassen", um es mit Herfried Münkler auszudrücken, der Terror wäre sehr schnell besiegt.

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Bogota von noch weiter oben, als es bereits liegt. Für dieses Foto mussten wir ganz schön schwitzen.

19. Die Seele Kolumbiens

Die kulturellen Unterschiede zwischen Kolumbien und Mexiko sind größer, als ich es zu Beginn erwartete. Natürlich handelt es sich in beiden Fällen um Latinos, die stark von der Kolonialisierung durch Spanien geprägt sind. Auf der anderen Seite merkt man allerdings an jeder Ecke, dass man in Bogota und nicht in Mexiko City ist. Während sich Städte aus knallbunter Altstadt, reichen Villen/gläsernen Konzerngebäuden und Armenvierteln. In Mexiko sieht man die Spaltung von Land und Leuten sehr krass. In Kolumbien hingegen sind auch die Wolkenkratzer und Einkaufshäusern eher älter, aber dafür sind auch die ärmeren Gegenden aufgeräumt und organisiert. Genauso findet man an jeder Ecke eine Bibliothek, eine Bücherei oder ein Theater. Der mein allgemeiner Eindruck ist also, dass Kolumbien älter und kultureller, kurz europäischer, wirkt. Diese Unterschiede sind auf ein komplexes Zusammenwirken an geographischer Lage und Geschichte geschuldet. Der seit langem anhaltende Kriegszustand mit linken Rebellen, rechten Paramilitärs und Drogenkartellen, wobei die Grenzen zwischen diesen Gruppierungen fließend verlaufen, hat Kolumbien nachdenklich und mäßigend gemacht.
Es schmerzt die Kolumbianer sehr, dass man ihr Land nur mit Pablo Escobar und Kokain verbindet. Dagegen kommt nicht mal Shakira und die kolumbianische Popmusik an, die sich über ganz Lateinamerika verbreitet. Die Beziehung zu den Vereinigten Staaten ist ebenfalls vom Drogenpolitik geprägt, aber auch von dem "Wegnehmen" Panamas, sodass dieses heutzutage nur noch das Wappen Kolumbiens ziert. Entgegen der Netflix-Serie "Narcos" sehen sie auch nicht die USA als Bezwinger Escobars, sondern ihre eigenes Land, insbesondere Journalisten, Richter und Armee (die auch die höchsten Verluste zu beklagen haben).

20. Die Spitze des Eisberges

Falls es jemand bis hierhin geschafft hat, so möchte ich mich bei den AH herzlichst für das Interesse bedanken und zu Aktiven sagen: "Genug vom Lernen abgelenkt, zurück zur Arbeit!".
Hätte ich meine gelebten Erfahrungen in einem Detailgrad widergegeben, wie er normalerweise bei einem Rugenblattbericht üblich ist, so müsste ich noch über 100 Seiten schreiben, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Daher habe ich versucht, meine großen Eindrücke und Erfahrungen wieder zu geben. Ich hoffe jedoch, dass ich bei dem einen oder anderen Punkt Gesprächsbedarf erzeugt habe, sei es durch geweckte Neugier oder Provokation. Zu den meisten Punkten hatte ich während meines Aufenthalts wesentlich ausführlichere Emails an interessierte Rugen geschrieben, daher zögert nicht, mich anzusprechen, kontaktieren etc.

 

 

 

Letzte Aktualisierungen des internen Bereichs

15.12.2017

Einladung zur Weinhachtsfeier am 17.12.2015 um 17:00 Uhr adH

Neu: 5. AC/BC des neuen Semesters - Protokolle zum Lesen und/oder Herunterladen

Neu: Diskussion und Meinungen zum Strategiepapier
Hier findet mittlerweile eine interessante Online-Diskussion statt.

Weihnachtsfeier

Sonntag, 17.12.2017 um 17:00 Uhr auf dem Haus.

Geboten wird ein leckeres Menü – Gulasch mit Spätzle und Salat. Als Nachtisch selbst gemachtes Tiramisu.

Es wird gewichtelt. Wer mitmachen will bringt ein Päckchen im Wert von ca. 5 € mit.

Ansonsten lässt man sich Überraschen, welche Programmpunkte noch auf der Tagesordnung stehen.

Es wird gebeten sich anzumelden beim XXX: